Stolpersteine
In Hagenow erinnern kleine Messingtafeln an Menschen, die hier lebten und ein Teil dieser Stadt waren. Sie wurden im Nationalsozialismus gedemütigt, ausgegrenzt, entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet. Die meisten von ihnen waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde oder stammten aus jüdischen Familien. Diese Stolpersteine tragen ihre Namen und Lebensdaten und berichten vom Unrecht, das ihnen angetan wurde.

Familie Meinungen – Lange Straße 108
Die Familie Meinungen gehörte zu den alteingesessenen Familien der Stadt und zu den Stützen der jüdischen Gemeinde. Die Familie stammte aus der Nähe von Meiningen in Thüringen und ist seit mindestens 1793 in Hagenow nachweisbar. Diese tiefe Verwurzelung und ihr guter Ruf als ehrbare Kaufleute bewahrte sie jedoch nicht vor Ausgrenzung und Deportation.
Samuel Meinungen kam am 15. September 1867 in Hagenow zur Welt und übernahm das Geschäft, dessen Grundstein sein Urgroßvater gelegt hatte. Dieser erwarb auch 1820 das Grundstück für die 1828 eingeweihte Synagoge. Samuel beerbte seinen Vater und handelte mit unterschiedlichen Waren und landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Mit seiner Frau Julie hatte er fünf Kinder.
Der älteste Sohn, Hermann Meinungen, trat in die Fußstapfen seines Vaters, übernahm dessen Beruf und heiratete Käthe Tobias aus Grabow. Er setzte sich gemeinsam mit seinem Vater Samuel gegen falsche Anschuldigungen und wirtschaftliche Repressionen zur Wehr – auch mit juristischen Mitteln. Die Nationalsozialisten reagierten mit Einschüchterung und Haftstrafen. Samuel Meinungen starb am 25. November 1937. In der Pogromnacht im November 1938 wurden die Synagoge verwüstet und die Ställe der Familie in Brand gesetzt. Hermann und Käthe Meinungen wurden in „Schutzhaft“ nach Neustrelitz gebracht.
Ihre Tochter Hanna kam 1940 zur Welt und war das letzte in Hagenow geborene jüdische Kind. Die junge Familie versuchte 1941 vergeblich auszuwandern und stand nach der Enteignung 1942 mittellos da. Am 10. Juli 1942 mussten sie einen Zug nach Ludwigslust besteigen, um von dort nach Auschwitz deportiert zu werden. Hermann fiel wahrscheinlich im März 1945 als Zwangsarbeiter einem Bombenangriff zum Opfer. Käthe und Hanna wurden vermutlich schon kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.
Die Verlegung der Stolpersteine für Familie Meinungen erfolgte am 25. Juli 2009.

Familie Sommerfeld – Bahnhofstraße 4
Als Arzt und Krankenschwester widmete sich das Ehepaar Sommerfeld mit großem Engagement der Gesundheit ihrer Mitmenschen. Doch seit 1933 lebten sie in ständiger Angst um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder.
Im Sommer 1922 übernahm der aus einer jüdischen Familie stammende Dr. Hans Sommerfeld eine Praxis in Hagenow. Der am 24. November 1894 in Luckenwalde geborene Sommerfeld unterbrach sein Medizinstudium, um sich kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig einem Regiment anzuschließen. An der Front erlitt er mehrere Verletzungen und verlor ein Bein. Dennoch setzte er sein Studium fort und ließ sich als Arzt und Geburtshelfer in Hagenow nieder. Im selben Jahr heiratete er die zwei Jahre ältere Margarete Swolinsky, eine christliche Krankenschwester aus Greifenhagen in Pommern. 1923 und 1925 kamen die Söhne Dieter und Klaus Sommerfeld zur Welt.
Seine Abzeichen als Frontkämpfer und Verwundeter schützten jedoch weder Hans Sommerfeld noch die zahlreichen anderen jüdischen Kriegsteilnehmer vor der Verfolgung. Bereits 1933 entzog ihm die Stadt Hagenow das Amt des Fürsorgearztes. Zeitgleich kam es zu Aufrufen zum Boykott des als Jude geltenden Arztes, der sich zusätzlich gegen die Schikane des Kreismedizinalrats und des Gauleiters wehren musste.
Nachdem in der Pogromnacht 1938 die Fenster des Wohnhauses zerschlagen und den Söhnen der Schulbesuch untersagt wurde, ging die Familie nach Hamburg. Hans Sommerfelds Mutter Selma zog zu ihrem Sohn nach Hamburg, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sechs Wochen vor Weltkriegsende kamen Dieter und Klaus Sommerfeld ins KZ Fuhlsbüttel, konnten jedoch befreit werden. Die Familie blieb in Hamburg, wo Hans Sommerfeld in der Eppendorfer Landstraße 33 eine Praxis eröffnete und bis zu seinem Tod im Jahr 1965 lebte.
Die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Sommerfeld erfolgte am 3. November 2011. Die Verlegung eines Stolpersteins für Selma Sommerfeld vor der Goernestraße 8 in Hamburg-Eppendorf erfolgte im März 2026.

Familie Davidsohn – Parkstraße 33
Louis Davidsohn tauschte das Großstadtleben in Berlin gegen das beschauliche Hagenow. Hier avancierte er schnell zu einer angesehenen Persönlichkeit: Mit seiner Fabrik brachte er viele Menschen in Lohn und Brot, ließ eine stattliche Villa errichten und wurde 1919 zum Bürgervorsteher gewählt. Doch mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten änderte sich alles – die Familie musste ihr Eigentum aufgeben und emigrieren.
Ursprünglich stammte Louis Davidsohn aus Schönlanke in Pommern. Er heiratete die in Berlin geborene Helene Perleberg, mit der er fünf Kinder bekam. Von Berlin siedelte die Familie um 1910 nach Hagenow über, wo Davidsohn eine Weichkäserei und Käsegroßhandlung gründete. Mit rund 40 Angestellten zählte er zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt.
Seine Kinder wuchsen in Hagenow auf und besuchten hier die Schule. Sein ältester Sohn Heinz stieg in den väterlichen Betrieb ein. Die Töchter Thea und Dora Davidsohn lebten ebenfalls in der nach dem Ersten Weltkrieg errichteten Villa gegenüber des Stadtbahnhofs. Die älteste Tochter Hildegard erlag in jungen Jahren einem Herzleiden. Heinz holt seine aus Schlesien stammende Ehefrau Gerda nach Hagenow. Auch der mit Thea verheiratete Kurt Meyerheim gehörte zur Familie.
Familie Davidsohn setzte sich für die Bedürftigen der jüdischen Gemeinde in Berlin ein. Wie in den Jahren zuvor hatte der Käsefabrikant auch im Sommer 1935 zehn Kinder zu sich eingeladen. Die nationalsozialistische Propaganda nutzte diesen Besuch für eine antisemitische Hetzkampagne. Unter dem zunehmenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Druck sah sich Familie Davidsohn gezwungen, ihren Besitz zu verkaufen, nach Berlin zurückzukehren und die Auswanderung vorzubereiten. Sie gingen nach Argentinien, wo Louis Davidsohn im Oktober 1945 starb.
Die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Davidsohn erfolgte am 3. November 2011.

Familie Hirsch – Lange Straße 45
Mit dem Tod von Siegfried Hirsch am 22. September 1946 verlor die Stadt Hagenow ihren letzten jüdischen Einwohner. Seine Ehe mit einer Christin bewahrte ihn vor der Deportation, doch blieben ihm und seiner Familie Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und wirtschaftliche Not nicht erspart.
Siegfried Hirsch kam am 8. August 1880 als drittes Kind jüdischer Eltern zur Welt. Im Haus seines Bruders Hugo, der sich als Kaufmann in Hagenow niedergelassen hatte, lernte er das nicht-jüdische Dienstmädchen Johanna Laudan kennen und lieben. Sie heirateten trotz familiärer Widerstände und lebten zwischenzeitlich in Boizenburg und Grabow. Ihre Tochter Margarete kam am 27. April 1911 zur Welt.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Siegfried Hirsch als Soldat gedient hatte, übernahm er das Geschäft seines Bruders in Hagenow. In der Pogromnacht wurde Siegfried in die Landesanstalt Neustrelitz verschleppt und kam für drei Wochen in „Schutzhaft“. Im März 1939 meldete er unter Zwang seinen Betrieb ab. Trude Hirsch, die 1904 in Hagenow geborene Tochter seines Bruders, lebte mit ihrem Ehemann Alfred Hirsch in Nürnberg und floh 1938 in die USA. Seine Schwester Ulrike wurde 1942 in Ludwigslust interniert, nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Siegfrieds Tochter Margarete durfte ihren Verlobten Albert Krass auf Grund der Nürnberger Rassegesetzte nicht heiraten. Dennoch gingen aus ihrer Beziehung zwei Kinder hervor:
Erika und Dieter, dessen Vaterschaft Albert noch 1942 offiziell anerkennen ließ. Während der NS-Zeit lebte Margarete in ständiger Angst und traute sich kaum auf die Straße. Albert Krass stand zu ihr und den Kindern, obwohl er als Sanitätsunteroffizier in der Wehrmacht diente. Er fiel 1944 im Elsass. Nach Kriegsende heiratete Margarete Hirsch erneut, bekam eine weitere Tochter und lebte bis zu ihrem Tod am 8. März 1969 in Hagenow.
Die Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Hirsch erfolgte am 16. März 2026. Ein Stolperstein vor dem Schweinemarkt 4 in Schwerin erinnert an Ulrike Hirsch. Die Verlegung von Stolpersteinen für Trude und Alfred Hirsch vor der Wodanstraße 72 in Nürnberg erfolgt im April 2026.

Der Förderverein „Alte Synagoge Hagenow“ e.V. hat im Jahr 2025 die Broschüre „Spuren des Unrechts“ herausgegeben, die an die Schicksale der Menschen erinnert, die in der NS-Zeit in Hagenow verfolgt wurden. Sie gibt Einblicke in ihre Lebenswege und das Unrecht, das ihnen widerfahren ist. Die Publikation ist im Museum, der Hagenow-Information und in der Alten Synagoge erhältlich.
Ausführliche Informationen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und den Familien, die in Hagenow lebten, bietet die Dauerausstellung im Hanna-Meinungen-Haus bei der Alten Synagoge.

